Die Borussen Playgirls reisen nicht nur zu Spielen von Borussia Dortmund, sondern treten auch selbst regelmäßig gegen den Ball. Mittlerweile haben die Playgirls ihre eigenen Fans – dazu gehören auch Jungen.
1:0 für die Playgirls
Eine Reportage von Sabine Schmitt
Anna stürmt los. Sie rennt, sie dribbelt, sie zaubert und lässt Nicole links liegen. Dann gibt sie den Ball an Tine ab. Tine schießt. „Toooooooor!“
Es ist Montagabend, kurz nach 19 Uhr. Ort des Geschehens ist ein Indoor-Fußballpark in Dortmund, unweit des Stadions des Fußballklubs Borussia Dortmund. Auf Platz eins kicken Männer, auf Platz drei, vier, fünf, sechs, sieben auch – auf Platz zwei ist das anders. Platz zwei gehört heute den Mädchen. Genauer gesagt den Borussen Playgirls. Sie sind etwa zwischen 15 und 30 Jahre alt, und zehn von ihnen sind gekommen. Das reicht für fünf gegen fünf. Jede zweite Woche kommen sie her und reservieren den Platz für jeweils eine Stunde, und das seit etwa drei Jahren.
Anna, 18 Jahre, war von Anfang an dabei. Und das mehrjährige Training hat eine echt gute Fußballerin aus ihr gemacht. „Die schießt und zielt wie die Jungs“, sagt Jelka, 32 Jahre, die für den Verein Fanprojekt Dortmund arbeitet, zu dem die Playgirls gehören. Auch Jelka war von Anfang an dabei. Sie kümmert sich darum, dass regelmäßig Fußballtraining und Treffen für die Playgirls stattfinden, ist so was wie die Organisatorin im Team.
Doch auch wenn Jelka Anna lobt: Anna gibt sich bescheiden. „Ich bemühe mich halt immer“, sagt sie. „Aber ja“, gibt sie dann zu, „man merke es schon, dass wenn man regelmäßig spielt, dass man sich halt immer auch ein bisschen verbessert.“ Und dann verrät sie noch, dass auch sie manchmal noch ein bisschen Angst hat vor dem Ball und dass sie aber daran arbeite, das zu ändern.
Anna hat, als sie jünger war, auch schon Fußball gespielt. In einer Mädchenmannschaft. Wenn sie das Jungen erzählt, sagen manche: „Finde ich gut.“ Andere: „Ist das nicht ein Männersport?“ Oder auch: „Was haben Frauen auf dem Spielfeld zu suchen?“
Anna findet es ganz normal, dass Mädchen Fußball spielen. Und auch, dass sie ins Stadion gehen, sei nichts Besonderes. Ihre Mutter beispielsweise schaue auch regelmäßig Spiele an. „In meiner Familie ist das halt normal“, sagt Anna. Und im Stadion, genauer gesagt bei einer U16-Auswärtsfahrt mit den Borussen-Kids des Fanprojekts, war es auch, dass Jelka Anna ansprach, wie es denn aussehe mit Mädchenfußball. Anna, die eine Zeit lang nicht gekickt hatte, sagte: „Gut. Ich bin dabei.“ Da war Annas Fußball freie Zeit zu Ende.
Seitdem spielt Anna eben jede zweite Woche. Sie und die anderen Playgirls kicken genau wie die Jungen auf dem Soccerfeld nebenan. Auch sie schenken sich nichts. Nur eben, dass sie auf ihrem Platz unter sich sind, unter Mädchen eben. Und das findet Anna auch wichtig. Denn wenn Jungen mitspielen, hat sie gemerkt, dann fühlt sie sich nicht so wohl. Die seien halt trotz allem immer noch die Besseren auf dem Platz.
Doch ob besser oder nicht: Mittlerweile bringen die Jungen, die nebenan auf dem Platz stehen und ebenfalls vom Verein Fanprojekt Dortmund sind, den Playgirls Respekt entgegen. „Die Zeiten, in denen sie sich Kissen unters Shirt stopften, über den Platz tänzelten und uns beim Spielen nachäfften, sind vorbei“, sagt Jelka. Und das sei nicht nur in der Fußballhalle so, sondern auch, wenn die Mädchen ins Stadion gehen und Spiele von Borussia Dortmund besuchen. Tine, 20 Jahre, aus Annas Team sieht das auch so. „Es werden ja eh von Mal zu Mal mehr Frauen im Stadion. So langsam müssen sie sich eben damit abfinden, dass mehr Frauen da sind.“ Und egal ob Junge oder Mädchen, mittlerweile sei das fast egal. „Man ist halt einfach da, gehört dazu.“
Unvergessen ist für Tine, Anna, Jelka und die anderen Playgirls ihre erste Fahrt zu einem Auswärtsspiel nach Freiburg. Jelka behauptet: „Die wird die Männerwelt in Dortmund noch lange beschäftigen.“ Denn die Playgirls hatten einen eigenen Bus organisiert und ihn komplett gefüllt, und zwar nur mit Mädchen. „Da haben uns die Männer, ja nicht bewundert, aber die fanden das schon gut, dass wir das gemacht haben.“ Das habe Anna einfach gespürt. Und weil es so schön war, haben zwei, drei Playgirls direkt eine weitere Mädchen-Auswärtsfahrt organisiert. Die geht zum Spiel Borussia Dortmund gegen Hannover 96 in Hannover. Die pinke Playgirls-Fan-Fahne dafür liegt schon bereit. Auch der Bus ist gebucht – und die Plätze in ihm waren ruckzuck weg.
Wenn die Playgirls gerade nicht Fußball spielen oder ins Stadion gehen („Viele schauen nicht nur die Bundesligaspiele an, sondern alle. Sie richten ihr ganzes Leben nach Borussia Dortmund aus“, sagt Jelka), dann treffen sie sich auch schon mal im Fanladen, einer kleinen, gemütlichen Kneipe des Fanprojekts nahe der Dortmunder Innenstadt zum Frühstück. Dann wird vor allem viel geredet. Über Spieler, die die Mädchen gut (und manchmal auch toll finden), über den Verein und eben darüber, was man noch so alles unternehmen könnte, um den Verein zu unterstützen. Manchmal sind bei den Treffen der Mädchen im Fanladen auch Jungen dabei. So lange, wie sie lieb und nett sind, ist dann alles in Ordnung. Doch wenn sie mit Machosprüchen kommen, wird es für sie gefährlich. Denn Jelka platzt dann auch schon mal der Kragen, wie sie selbst sagt. Und damit will sie ihren Mädchen auch zeigen: „Mädels, ihr müsst euch nicht alles gefallen lassen.“
Los ging es mit den Playgirls übrigens in der Saison 2004/2005. Die Mädchen, die sie mitgründeten, sind Teil der Szene der „Ultras“ – das ist eine Gruppe junger, besonders begeisterungsfähiger und erlebnisorientierter Dortmunder Fußballfans, der eben auch viele Mädchen angehören. Die allerdings hatten es satt, immer nur als Anhängsel gesehen zu werden und an aktiven Gruppenprozessen nicht beteiligt zu werden, wie Jelka sagt. Also starteten sie ihr eigenes Ding.
Das erreichte Ziel der Playgirls ist, nicht nur am Spielfeldrand zu stehen, sondern auch selber aufs Spielfeld zu gehen, gemeinsam ihre Freizeit zu organisieren und Bereiche zu erobern, die normalerweise eher von Jungs besetzt sind. Damit sind die Mädchen keine Anhängsel von Jungen, sondern sind selbst aktiv und äußern ihre Meinung und Wünsche.
Annas nächstes Ziel allerdings ist jetzt gerade ein anderes. Das Training ist fast zu Ende. Und Anna will noch ein Tor schießen, und diesmal am liebsten auch selbst. Anna läuft sich frei. Tine sieht das aus dem Augenwinkel. Diesmal passt Tine den Ball zu Anna. Anna schießt. „Toooooooor!“
Laufzeit: 2005-2007